Icescapes (Sehen lernen)

Ich erinnere mich an eine Tour welche ich vor vielen Jahren mit einem Navajo Indianer im Monument Valley gemacht habe. Wir waren mit einem 4×4 abseits der touristischen Pfaden unterwegs mit dem Ziel das Monument Valley zu erkunden und einige Fotos zu machen. Dabei lernte ich noch vieles über die Kultur und Lebensweise der Navajo Indianer. Doch die eigentliche Lektion dieser Tour wurde mir erst viel später bewusst. Ich lernte was es bedeutet „zu sehen“. In anderen Worten machte er mir klar wie wir „sehen“ und was es heisst „bewusst zu sehen“ und die Umgebung welche uns umgibt wahr zu nehmen. Er sah Dinge und machte mich darauf Aufmerksam welche ich ohne Ihn niemals gesehen oder wahrgenommen hätte. Sehen ist nicht gleich sehen. Einmal fragte er mich:“Hey, was siehst Du da vorne?“ und er deutete mit seiner Hand auf eine Felsformation in der Ferne. Ich schaute in die Richtung in welche seine Hand zeigte und sah ein paar rot leuchtende Felsen welche sich in der Distanz vom Tal erhoben. Ein atemberaubender Anblick! Ich sagte Ihm was ich sah und er erwiderte bloss: „Look closer! Look closer! Was siehst Du?“ Ich hatte keine Ahnung was ich hätte sehen oder erkennen sollen, doch zu meinem Erstaunen sah er dort einen Elefanten. „Einen was?“, fragte ich verdutzt. „Einen Elefanten!“. Dachte zuerst er will mich veräppeln. Im Monument Valley gibt es keine Elefanten. Doch erneut deutete er mit der Hand zu den Felsen und zeigte mir was er in den Felsen sah. Er hatte Recht. Im Monument Valley gibt es einen Elefanten. Als ich mich konzentrierte, die Linien und Formen der Felsen studierte, erkannte ich den Elefanten auch. Es braucht Fantasie, Vorstellungsvermögen und Sehvermögen. Nicht einfach oberflächliches Sehen, sondern bewusst sehen und die Umgebung wahrnehmen. Eine Eigenschaft welche man beim fotografieren auch benötigt.
Fotografieren heisst „Malen mit Licht“. Doch bevor man mit Licht malen kann, muss man sein Motiv sehen. Also so können wir doch auch sagen, fotografieren bedeutet unter anderem auch „Sehen“. Was mir dieser Navajo Indianer verdeutlichte ist vorallem eines; je besser man eine Gegend kennt und mit Ihr vertraut ist, diese Landschaft kennt, man sich Zeit nimmt die Landschaft auf sich wirken zu lassen und bereit ist „zu sehen“, je besser erkennt man Dinge welche einem sonst verborgen bleiben.
Er sieht bestimmt nicht besser als ich, doch er kennt seine Umgebung und lebt mit ihr. Er erkennt somit jedes kleines Detail und nimmt jede Änderung wahr.
Eine Landschaft fotografisch sehen und darin das Motiv erkennen funktioniert meiner Meinung nach ähnlich. Wenn man sich zufrieden gibt immer nur „x-tausendmal-fotografierte“ Landschaften zu fotografieren wird man meiner Meinung nach auch nie lernen selbständig zu sehen, seinen eigenen Blick auf die Landschaft und das Motiv zu haben. Dazu kommt noch, dass dein Portfolio den anderen Fotografen ähnelt und du nur ein Bild unter vielen von dieser Landschaft hast. Wenn man eine beliebte und bekannte Landschaft fotografiert welche man von hunderten von Bildern her kennt, läuft man auch Gefahr von den anderen Komposition beeinflusst zu sein und man vergisst das selbständige sehen. Man erreicht sein Motiv, ist fasziniert von der Landschaft, stellt sein Stativ an der erst besten und bequemsten Stelle auf ohne sich weiter mit der Situation und der Umgebung vertraut zu machen. Somit hast du keine Möglichkeit dein eigenes Sehen zu schulen und du kannst nicht das volle Potential dieser Landschaft für dich herausholen.
Ich lerne täglich wieder neu zu sehen. Die Fähigkeit zu sehen ist wie ein Muskel – es braucht ständiges Training. Hört man mit dem Training auf bilden sich die Muskeln wieder zurück. So ist es auch mit dem „Sehen“.
Man kann sich die Fähigkeit „fotografisch“ zu sehen bis zu einem gewissen Grade aneignen, doch den Zeitpunkt wo man sagen kann, jetzt kann ich „Sehen“ gibt es für mich nicht. Es ist ein ständig immer weiterentwickelnder Prozess des Experimentierens, Beobachtens, Suchen und Erkunden. Es ist eine Reise und der Weg das Ziel ist.Icescapes-OeschinenseeTechnische Details: Nikon D810, 24-70mm Objektiv (@24mm), ISO 64, f 11, 1/10 Sekunde, 14 Belichtungen mit unterschiedlicher Fokussierdistanz (manuell fokussiert) für maximale Schärfe, überblendet in Photoshop